Rotkäppchen

                                        Interpretation
 

     Eine "kleine süße Dirne" bekommt von der Großmutter ein rotes Käppchen
geschenkt. Damit zeigt sich ihre Art zu denken. Das blutjunge Kind packt alles
im Leben neugierig und furchtlos an.
     Wenn ein Richter zum Richterspruch die schwarze Kappe aufsetzt, so will
er damit ausdrücken, daß er das Urteil "auf seine Kappe nimmt", also selbst
die Verantwortung hierfür trägt. Das Urteil entspringt auch seinem eigenen
Kopf. Wer den "Hut" zieht, wenn er einen Raum betritt, will damit als
Besucher zeigen, daß er sein eigenes Denken ganz unterordnet, Freundschaft
und nicht Konfrontation sucht, ganz im Gegensatz zum Richter, welcher mit
aufgesetzter Kappe ein Urteil fällt.
     Die Großmutter ist eine alte, gütige, aber kranke Frau. Rotkäppchen erscheint
in dem Alter, in welchem die Kinder gerade eingeschult werden. Im Wald, also
auf dunklem Abweg, begegnet dieses naive Kind der Versuchung, dem Wolf.
Er verleitet es, auf die Blumen am Wegesrand zu schauen und sie zu sammeln,
so jedoch von ihrem eigentlichen Auftrag, zur Großmutter geradewegs zu gehen,
abzukommen. Begierig läßt Rotkäppchen sich von der Schönheit der Blumen
fesseln. Der Wolf aber geht zur Großmutter und verschlingt sie. Alle Weisheit
und gutgemeinten Ratschläge, die von den "Alten" bewahrt werden, sind in den
Wind geschlagen, und als Rotkäppchen sich endlich an ihren Auftrag erinnert,
ereilt sie ebenfalls das Unglück; auch sie wird aufgefressen.
    Der "Jäger" im Märchen steht für jene innere Stimme, die nach fehlgeleite-
ten Seelen jagt. Er will sie wieder auf den rechten Weg bringen. "Ach, war's so
dunkel im Leib des Wolfes", klagt Rotkäppchen nach ihrer Befreiung, und
ganz bestimmt will sie nun immer auf den Rat hören, nie wieder vom rechten
Weg abzukommen.
    Das Märchen gehört in jene Zeit der Kindheit, in der bloßer Gehorsam den
Eltern und Erziehern gegenüber sinnvollerweise gefordert wird, etwa zwi-
schen 5 und 8 Jahren. Das Abkommen vom richtigen Weg, man denke an den
bösen Onkel, stellt in der Tat eine Lebensgefahr dar, welche Kinder in ihrem
Entdeckungstrieb und ihrer Neugierde nicht beurteilen können.

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